Hand aufs Herz: Wenn du an die „österreichische Musikszene“ denkst, wen hast du im Kopf? Wahrscheinlich die üblichen Verdächtigen, die seit Jahrzehnten die großen Stadien füllen, oder den nächsten Indie-Buben mit Gitarre und Weltschmerz. Dass unsere Musiklandschaft aber längst weiblicher, diverser und verdammt viel spannender ist, kriegt man oft nur mit, wenn man aktiv danach sucht. Es ist 2026, und während wir im Alltag über Gleichberechtigung philosophieren, spielt sich im Backstage und auf den Mainstages oft noch das letzte Jahrhundert ab.

 

Der Status Quo: Viel Talent, wenig Platz am Tisch

 

Wie sieht’s momentan aus? Eigentlich glänzend – wenn man auf die Qualität schaut. Von Cloud-Rap über experimentellen Elektro bis hin zu feministischem Punk: Frauen wie Eli Preiss, Sharktank oder Newcomerinnen, die in den Wiener Kellern den Sound von morgen basteln, sind da. Sie sind laut, sie sind talentiert und sie haben den Vibe.

Aber: Der Blick in die Charts und auf die Streaming-Zahlen ist oft ernüchternd. Statistisch gesehen dümpeln wir bei der Beteiligung von Frauen an angemeldeten Werken oft noch im einstelligen oder niedrigen zweistelligen Prozentbereich rum. Die Szene ist da, aber sie wird oft in die Nische „Frauenmusik“ abgeschoben, statt einfach als das wahrgenommen zu werden, was sie ist: Die Spitze der heimischen Kunst.

 

Das Line-Up-Dilemma: Wo sind die Headlinerinnen?

 

Schau dir die großen Festival-Plakate an. Wenn man die männlichen Acts wegstreicht, bleibt oft nur ein trauriges Gerippe aus weißem Papier übrig. Warum? Die Ausreden der Booker sind so alt wie ihre Plattensammlung: „Es gibt halt keine passenden weiblichen Acts“, oder „Die verkaufen keine Tickets“.

 

Spoiler: Das ist Bullshit. Es ist ein Teufelskreis. Wer nicht auf die großen Bühnen gebucht wird, kriegt keine Reichweite. Wer keine Reichweite hat, gilt als „Risiko“ fürs Booking. Dass Festivals wie das Frequency oder das Donauinselfest langsam aufwachen und mehr FLINTA-Acts integrieren, ist ein Anfang, aber oft wirkt es eher wie ein Feigenblatt statt wie eine echte Strukturreform.

 

Systemfehler: Das Patriarchat spielt Schlagzeug

 

Haben wir in Österreich ein patriarchales Systemproblem? Kurze Antwort: Ja. Die Lange? Die Musikbranche spiegelt nur das wider, was in der Gesellschaft schiefläuft. Es sind die alten Netzwerke – die „Partien“, die sich beim Bier die Slots zuschanzen.

Es geht um strukturelle Hürden: Proberäume sind oft unsichere Orte oder schlicht zu teuer. Es geht um Technik-Bias, denn Produzenten sind fast ausschließlich männlich. Wenn eine Frau den Ton angibt, wird ihr oft die Kompetenz abgesprochen. Und viel hat auch mit Vereinbarkeit zu tun. Denn Tour-Alltag und Care-Arbeit beißen sich in einem System, das keine Rücksicht auf Biografien nimmt, die nicht dem „Single-Typen ohne Verpflichtungen“ entsprechen.

 

Die Frage aller Fragen ist, wie fixen wir das? Was wir schonmal sagen können: Sicher nicht mit freundlichem Bitten. Wir brauchen Quoten, die wehtun: Öffentliche Förderungen für Festivals und Venues müssen an einen ausgewogenen Frauenanteil gekoppelt sein. Kein Geld vom Staat für reine Männer-Partys. Punkt. Wir müssen Sichtbarkeit radikal denken: Gatekeeper müssen ausgetauscht werden mit Menschen, die Haltung zeigen. Wir brauchen mehr Frauen in den Booking-Agenturen, in den Chefetagen der Labels und hinter den Mischpulten.

 

Statt Neid, brauchen wir Netzwerke und coole Initiativen - Pink Noise oder Grrrls Kulturverein zeigen, wie es geht. Empowerment bedeutet, die Leiter für die Nächste festzuhalten, statt sie wegzutreten.

 

Die Zukunft ist laut

 

Der Vibe ändert sich. Die junge Generation in Österreich hat keinen Bock mehr auf die alten Hierarchien. Musikerinnen nehmen sich den Raum, den sie verdienen – ob im DIY-Style via TikTok oder durch knallharte Professionalisierung. Die Zukunft der österreichischen Musik wird nicht mehr nur im „Alte-Herren-Club“ entschieden.

 

Wir sind an einem Punkt, an dem wir nicht mehr über „Frauen in der Musik“ reden sollten, als wären sie eine seltene Spezies im Streichelzoo. Wir sind die Szene. Und wenn die Tische der Entscheidungsträger zu klein sind, dann bringen wir eben unsere eigenen Klappstühle mit – oder wir bauen den Tisch einfach um.

 

Stay iconic, stay loud.